Immer wieder montags

Jeden Montag geht mein Hund arbeiten. Kaum fange ich an, seine Siebensachen für den Einsatz im Altenheim zusammen zu kramen, werde ich erwartungsfroh von meinem Labrador beäugt. Ich öffne die Heckklappe meines Autos und mit einem Riesensatz springt Bonnie hinein. Den Weg zur Arbeit hat sie sich gut eingeprägt. Während sie sonst jede Autofahrt für ein Schläfchen nutzt, bleibt sie auf dem Weg nach Bad Kreuznach sitzen und schaut aus dem Fenster. Es ist offensichtlich. Sie freut sich. Den Weg vom Parkplatz zum Altenheim würde sie am liebsten im gestreckten Galopp hinter sich bringen. Aber stattdessen bestehe ich auf einen entspannten Gang an meiner Seite. Und sie entspricht meinem Anliegen.

Jeder Montag ist anders. Wir besuchen die Bewohner des Erdgeschosses im Haus St. Josef, in dem die Demenzkranken wohnen. Die Bewohner verteilen sich auf drei Hausgemeinschaften. Jede Hausgemeinschaft hat einen großen Aufenthaltsraum. Am Eingang steht eine Tafel, auf der das Programm des Tages zu lesen ist. Montags steht mit großen Lettern auf der Tafel „Besuch von Bonnie“. Mal besuchen wir eine Hausgemeinschaft, mal alle drei, je nach Möglichkeiten und Interessen der einzelnen Hausbewohner. Im Sommer ist es besonders schön. Alle, die Bonnie sehen wollen, versammeln sich im Innenhof, und so erwartet uns dann ein großer Gesprächskreis.

Mit Bonnie an meiner Seite gehe ich reihum und begrüße alle Bewohner. Dabei lässt sich Bonnie gerne streicheln. Oft erzähle ich von der vergangenen Woche, von bevorstehenden Ereignissen oder von besonderen Erlebnissen mit Bonnie. Danach bereite ich meist eine Vorführung vor. Bonnie macht derweil Platz und beobachtet aufmerksam und neugierig meine Vorbereitungen. Besonderen Spaß hat Bonnie bei Suchspielen. Manchmal verstecke ich, eingewickelt in ein Tuch, einen Hundekeks in einer Wäschekugel. Auf mein Kommando hin darf Bonnie mit der Suche beginnen. Schnell hat sie sich die Kugel geschnappt, mit den Vorderpfoten hält sie die Kugel fest im Griff und mit Hilfe von Schneidezähnen und Zunge wird das Tuch vorsichtig aus der Kugel herausbefördert. Erfahrungsgemäß dauert es dann nur noch Sekunden, bis der Hundekeks aus dem Tuch gewickelt ist. Die Bewohner bedanken sich mit Klatschen.

Ein anderes Mal habe ich eine Box mit vier Fächern mitgebracht. Oft hilft ein Bewohner beim Befüllen der Fächer mit Hundekeksen. Jedes Fach ist auf eine andere Art und Weise zu öffnen. Ob sie nun an einer Schnur einen Deckel hochheben oder eine Schublade aufschieben muss, um an den Hundekeks zu gelangen, Bonnie hat einen Riesenspaß dabei. Selbst das Hochklappen oder das Verschieben eines Deckels mit Hilfe der Schnauze ist für Bonnie kein Problem. Hauptsache die Belohnung schmeckt! Zwischen den Suchspielen mache ich immer wieder eine Pause, manchmal setze ich mich in die Gruppe, manchmal gehe ich reihum und lasse Bonnie streicheln. Dabei unterhalten wir uns viel über Bonnie, aber auch über die Hunde, die die Bewohner früher hatten. Die Erinnerungen an die Hunde berühren mich sehr.

Große Verwunderung gab es am Anfang meiner Besuche, wenn ich Bonnie mit Obst fütterte. Mittlerweile wissen die Bewohner – Montag ist Obsttag für meinen Hund.

Entweder füttere ich Bonnie mit einem Apfel, einer Mandarine oder einer Banane. Die Banane isst sie beinahe wie ein Mensch. Sie beißt Bissen für Bissen ab, wobei Bonnies Essgeschwindigkeit immer wieder beeindruckt. Nicht selten hat ein Bewohner extra für Bonnie ein Stück Obst vom Mittagessen aufgehoben. Aber auch sonst sind die Bewohner sehr hilfsbereit. Wenn es darum geht, Bonnie zu bürsten, findet sich immer eine helfende Hand. Und Bonnie genießt es, im Mittelpunkt zu sein.

Wenn kurz vor vier Uhr eine ehrenamtliche Mitarbeiterin erscheint, um mit den Bewohnern gemeinsam zu singen, singen die Bewohner für Bonnie nicht selten ein Ständchen. Andächtig hört Bonnie zu, wenn es dann heißt „My bonnie is over the ocean“. Oft bleiben Bonnie und ich noch ein Weilchen, wenn gesungen wird. Bonnie liegt dabei entspannt zu meinen Füßen und lauscht dem Gesang. Wenn wir uns dann verabschieden, tönt es zum Abschied „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus…“